Am Samstag, 8.11. war es soweit: Pia Schartel, frisch gebackene Gesellin, trat beim Bundeswettbewerb in der Fachrichtung Steinbildhauerei gegen vier Landessiegerinnen und Landessieger an – und holte sich den Sieg! Die Aufgabe: eine Katze frei Hand in gut 6 Stunden aus dem Stein schlagen. Bewertet wurde die Ausführung, aber zum Beispiel auch die Arbeitsweise und die Einhaltung von Arbeitssicherheitsvorgaben. Pia Schartel überzeugte in allen Kategorien.
Sie erinnert sich, dass sie beim Wettbewerb innerlich sehr ruhig war, allerdings fragte sie sich von Beginn an, wie eine Katze überhaupt aussieht und versuchte sich den eigenen Stubentiger ins Gedächtnis zu rufen. „Ohne Vorlage ist das tatsächlich gar nicht so einfach“, meint die Wahl-Freiburgerin. Es ist ihr wohl wieder eingefallen. Sie hat sich für eine liegende Katze entschieden, die eine Pfote genüsslich nach vorne streckt und deren Schwanz am Stein, auf dem sie liegt, in einem Bogen hinunterbaumeln lässt. Schöne Details, wie auch die mehrköpfige Jury fand.
Nach Holleben, Sachsen-Anhalt waren insgesamt 14 Landessiegerinnen und Landessieger der Fachrichtungen Steinmetz und Steinbildhauerei angereist. Anders als beim Landeswettbewerb muss man sich für die „Deutsche Meisterschaft im Handwerk – German Craft Skills“, so der korrekte Titel, anmelden. Nicht alle Bundesländer waren deshalb vertreten. Diesem Höhepunkt von Schartels junger Karriere ging eine dreijährige Ausbildung zur Steinmetzin bzw. Steinbildhauerin voraus. Im Herbst 2021 begann sie ihren beruflichen Werdegang in der Münsterbauhütte, wobei sie eigentlich schon ein Jahr vorher als FSJlerin startete und verschiedene Abteilungen des hiesigen Betriebs durchlief. Bereits zu Beginn des FSJ war sie sich sicher, dass sie Steinmetzin werden wollte – und die Leidenschaft hielt an.
Die Ausbildung dauerte drei Jahre. Während die Altgesellen das Eisen mit Druckluft antreiben dürfen, lernen die Auszubildenden ihr Handwerk von der Pike auf: Sie bearbeiten den Stein mit Meißel und Knüpfel. Meist beginnt man mit einem großen Bruchstein und haut zunächst ebene Flächen. Mit der Zeit werden die Aufgaben komplexer: Als nächstes Werkstück steht meist ein Profilquader mit runderen Formen an. Schartel erinnert sich, wie anstrengend die Arbeit am Stein zu Beginn war: „Ich habe über ein Jahr gebraucht, um mich körperlich an die Arbeit zu gewöhnen.“
Daneben lernen die Auszubildenden auch, wie man Steine verfugt, sie versetzt oder konservatorische Verfahren einsetzt. Wichtig ist auch die Einhaltung von Vorgaben der Arbeitssicherheit, worauf auch während der Prüfungen geachtet wird. Beispielweise muss ein Augenschutz getragen werden, der Arbeitsplatz sollte sauber sein und die Absauganlage richtig ausgerichtet. In der Berufsschule belegte sie Fächer wie Gesteinskunde, Symbolkunde, Technisches Zeichnen oder Freihandzeichnen. Schartel hat die Berufsschule als willkommene Abwechslung zur Arbeit in der Werkstatt wahrgenommen und den Kontakt mit Gleichgesinnten genossen. Auch der im Verhältnis zeitlich spätere Schulbeginn kam nicht ungelegen: „Endlich mal länger schlafen“, lacht Schartel.
Im 2. Lehrjahr entscheidet man sich, ob man als Schwerpunkt Steinbildhauerei wählt: Der Unterschied ist der Einsatz eines Punktiergerät, anhand dessen man die Formen auf den Stein kopiert, während Steinmetze mit Schablonen arbeiten. Steinbildhauerischen Arbeiten gelten eher als figürlich, die Steinmetze erarbeiten im Verglich zumeist profilierte Bauteile. Gesellin ist Schartel seit dem 24. Juli dieses Jahres. Nach einer schriftlichen Prüfung im April absolvierte sie die erste praktische Prüfung vom 7. bis 15. Juli: In 52 Stunden haute sie ihr Gesellinnenstück, ein Drache angelehnt an eine Relieffigur aus der Vorhalle des Münsters. Die zweite praktische Prüfung machte sie zusammen mit ihren Klassenkameradinnen und -kameraden in der Berufsschule. Hier fertigte sie ein Schmetterlingsrelief an.
Durch ihr Gesellinnenstück wurde sie zunächst zur Kammer- und dann zur Landessiegerin gewählt. Ob auf den Bundessieg eine Teilnahme bei der Welt- oder Europameisterschaft folgt, muss die 23-Jährige überlegen. Jetzt ist sie erst mal erschöpft und glücklich, dass sich „die stressige Prüfung“ so ausbezahlt hat. Besonders dankbar ist sie ihrem Lehrmeister Markus Himmelsbach, der sie von Beginn an gefordert und gefördert hat. Auch der Steinmetz ist sehr stolz: „Ich freue mich mit und für Pia über ihre spitzenmäßige Leistung.“
Bis Ende Dezember bleibt sie als Gesellin der Münsterbauhütte erhalten – dann möchte sie in die Welt hinaus. Das Team der Bauhütte freut sich wahnsinnig über den Triumph. „Die sind alle total aus dem Häuschen“, lacht Schartel.
(Freiburger Münsterbauverein e. V.)
