Der Westturm (ca. 1270 bis 1330/40)

 
Über den Bau des 116 m hoch aufragenden Westturmes mit seiner einzigartigen durchbrochenen Maßwerkpyramide gibt es keine schriftlichen Quellen. Aufgrund des stilistischen Bruchs zwischen der unteren und oberen Hälfte nimmt die kunsthistorische Forschung seit langem seine Entstehung in zwei Bauphasen an: Die erste (ca.1270-1290) umfasst den blockhaften, fast quadratischen Unterbau bis kurz unterhalb der Sterngalerie. Hierzu zählt auch der gewaltige, 18m hohe hölzerne Glockenstuhl, der im Innern am Fuße des Uhrengeschosses auf einem Mauervorsprung aufsitzt. Dendrochronologisch wurde er auf 1290/91 datiert, so dass damit der Abschluß dieses Turmteils festgelegt ist. In einem zweiten Abschnitt  (bis ca. 1330/40) entstanden die obere achteckige Turmhälfte, das sog. Oktogon, und die abschließende durchbrochene Turmspitze.
 
Der Turm steht wie bei fast allen oberrheinischen Pfarrkirchen als Solitär fast frei vor dem Langhaus. Deutlich unterscheiden sich die beiden Turmhälften in ihrer Gestaltung: Der 37 m hohe Unterbau besteht aus überwiegend glatten Mauerflächen, die durch waagerechte Gesimse gegliedert sind. An den Turmecken sind nach oben abgetreppte Stützpfeiler mit Figurentabernakeln angebracht. Das Erdgeschoß nimmt die schmuckvolle  Eingangshalle mit ihrer Vielzahl von Skulpturen und Reliefs auf. Darüber liegt die Michaelskapelle mit den drei Maßwerkfenstern; sie öffnet sich mit einem riesigen Spitzbogen in das Mittelschiff.
 
Den Übergang zum 33 m hohen Oktogon bildet die 12-eckige Sterngalerie. Große dreibahnige und giebelbekrönte Maßwerkfenster bestimmen nun die offene Architektur. Die unteren diagonalen Ecken versteifen Dreikantpfeiler, die sich nach oben in Figurenbaldachinen auflösen.
 
Künstlerischer und architektonischer Höhepunkt bildet die 46 m hohe, nur noch aus Rippen und Maßwerkplatten bestehende Turmspitze. Das innere Gerüst bilden eingelegte Eisenanker. Dieser in der Geschichte der Gotik erste vollständig durchbrochene Steinhelm wurde Vorbild für viele europäische Kirchtürme.
Den Baumeister des Freiburger Westturms, der von dem Schweizer Kunsthistoriker Jakob Burckhardt  als der "schönste Turm auf Erden" bezeichnet wurde, kennen wir nicht. Allgemein nimmt man an, dass der Turm von zwei Meistern und nach zwei unterschiedlichen Plänen ausgeführt wurde. Ab Mitte des Uhrengeschosses und nach dem Bau des Glockenstuhls soll es eine längere Bauunterbrechung gegeben haben, um zunächst das Langhaus fertigzustellen. Diese Unterbrechung wird u.a. damit begründet, dass der Glockenstuhl - durch Nagelspuren nachweisbar - mit Brettern provisorisch verschalt war.
 
Erst um die Jahrhundertwende soll ein neuer, vermutlich aus Straßburg kommender Meister den Turm mit einem veränderten Plan weitergeführt und vollendet haben. Dem widerspricht die vor einigen Jahren vertretene These eines Kunsthistorikers (D.G. Morsch), wonach der Freiburger Turm ohne Unterbrechung nach einem einheitlichen Plan ausgeführt wurde. Er belegt dies mit stilistischen Vergleichen gegenüber den westlichen Langhausjochen, ferner mit dem Langhausdachstuhl, der sich an den Turm anlehnt. Seiner Meinung nach müssen hierfür die Mauern beim Bau des Dachstuhls 1301 bereits höher ausgeführt gewesen sein als bisher angenommen.
 
Nach dem Vorbild der Westturmspitze erhielten die Hahnentürme in den 40er Jahren des 14. Jh. ihre gotischen Obergeschosse mit den durchbrochenen Helmspitzen, um sie künstlerisch dem neuen Turm anzupassen.