Das gotische Langhaus

 
 
 
 
 
 
Südseite außen mit Heilig Grab Kapelle
 
Nordseite außen mit Abendmahlskapelle
 

Die zwei Ostjoche (ca. 1230 bis 1256)

 
Nach dem Tod Herzog Bertolds V. (1218) und einer Bauunterbrechung kam es zu einer gravierenden Planänderung: Unter dem neuen Stadtherren Graf Egino I. (1218-1236) beschloss man, das Münster nicht mehr im romanischen, sondern in dem modernen, aus Nordfrankreich kommenden gotischen Baustil weiterzubauen. Vorbild wurde nun das nahe gelegene Straßburger Münster, wo der neue Stil bereits um 1220 Eingang gefunden hatte.
 
Als erstes entstanden die zwei östlichen Langhausjoche. Die bereits ausgeführten Teile des spätromanischen Langhauses wurden abgerissen, die Seitenschiffe gegenüber der ursprünglichen Planung verbreitert und mit dem Mittelschiff beträchtlich erhöht. Dazu stockte man die spätromanischen Vierungspfeiler auf und versah sie mit einer auffälligen zweiten Kapitellzone. An der südlichen Mittelschiffwand, innen, sind zwischen der Vierung und dem Langhaus die romanisch-gotische Baunaht und die Reste einer bereits begonnen romanischen Emporenöffnung noch zu erkennen.
 
Unvermittelt und kühn schließt sich die hochgotische Architektur mit ihren großen spitzen Maßwerkfenstern und dem steinernen Gerüst am Außenbau (sog. Strebesystem) aus Pfeilern, Bögen und Auflasten an die romanischen flächigen Bauteile an. Den Innenraum gliedern große Spitzbogenrkaden und Bündelpfeiler, die Seitenschiffwände unter den Fenstern Blendarkaden mit Kleeblattbogenabschluss.
 
Im Vergleich zu den späteren westlichen Langhausjochen sind die Architekturdetails und der Bauschmuck der Ostjoche einfacher und gröber ausgeführt ("Reduktionsgotik", oft fälschlich als "frühgotisch" bezeichnet). Die steinerne Unterteilung der Fenster, das sog. Stab- und Maßwerk ist plump, an den Fenstern des Mittelschiffs sieht man sogar noch die spätromanischen Kugeldekoration, und auch die Figurenbaldachine zeigen schwerfällige Formen. Selbst die Kapitelle lehnen sich an die spätromanischen Vorbilder an, wie z.B. die Schilfblattkapitelle der Bündelpfeiler oder die figürlichen, mit Adlern und Greifen geschmückten Kapitelle an den Blendarkaden des nördlichen Seitenschiffs.
 
Probleme bereitete auch die Einwölbung, welche erst ein neuer wohl aus Straßburg kommender Baumeister vornahm. Er baute die Mittelschiffwände aus, ließ den Dachstuhl errichten und die beiden Mittelschiffjoche einwölben. Außerdem erhöhte er die Strebepfeiler und baute die Strebebögen frei über die Seitenschiffdächer hinweg. So waren die Wände optimal abgestützt und konnten die schweren Gewölbe im Innern aufnehmen. Die unter diesem Meister entstandenen Bauteile sind an den veränderten Formen der Bauplastik, wie den Blattfriesen, und den stilistisch weiter entwickelten Figurentabernakeln und den Figuren selbst  zu erkennen.
 
Durch die Jahrringanalyse des Holzes (Dendrochronologie) konnte das Fälldatum der Dachbalken und so die Entstehungszeit des Dachstuhls in den Jahren 1256/57 ermittelt werden. Damit lassen sich der Ausbau und die Fertiggestellung der Ostjoche zeitlich bestimmen. Die zwei vollendeten Joche waren vermutlich durch eine Mauer im Kircheninneren abgetrennt und so für den Gottesdienst benutzbar.
 
Trotz der auffälligen Unsicherheiten in der Bauausführung ist dieser erste Langhausabschnitt des Freiburger Münsters für die Architekturgeschichte von großer Bedeutung, da er ein frühes Beispiel für das Aufkommen der Gotik in Süddeutschland darstellt.