Der 116 m hohe Westturm des Freiburger Münsters ist mit seinen durchbrochenen Obergeschossen und der filigranen Maßwerkspitze weltbekannt. Seit seiner Entstehung vor 700 Jahren rühmen die Menschen die Schönheit und Harmonie seiner Gestalt. Er gilt als "schönster Turm der Christenheit", eine Bezeichnung , die dem Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt (1818-1897) zugeschrieben wurde. Jüngste Recherchen ergaben jedoch, dass er ihn als "schönsten Turm auf Erden" pries. Dieser Turm ist der erste in der europäischen Gotik mit einer Maßwerkpyramide. Für diese geniale Konstruktion gab es keine gebauten Vorbilder.
Auch gehört er zu den frühesten gotischen Türme, die noch im Mittelalter fertiggestellt wurden. Viele spätere Kirchentürme des 14. und 15. Jh., wie die der Münster in Basel und Straßburg lehnen sich in ihrer Gestaltung an den Freiburger Münsterturm an. Besonders für die neugotischen Türme des 19. Jh. diente er als Vorlage: So am Regensburger Dom, Ulmer Münster, an der Lambertuskirche in Münster / Westfalen oder der Gedächtniskriche in Speyer. In seiner technischen und künstlerischen Vollkommenheit blieb der Freiburger Münsterturm jedoch einzigartig.
Dieser himmelwärts strebende, durchlichtete Turm ist nicht nur eine Meisterleistung der gotischen Baukunst, sondern auch ein Symbol des Glaubens für die Christen. Im Zweiten Weltkrieg, nach dem schweren Bombenangriff auf Freiburg im November 1944, wurde der inmitten des Infernos stehen gebliebene Münsterturm zum Hoffnungsträger für die Freiburger Bürger. Wegen seiner transparenten Architektur hatte er die Druckwellen der Bomben überstanden.
Die Baumeister
Der oder die Baumeister dieses Turmes sind nicht bekannt. Aus der Bauzeit gibt es keine schriftlichen Quellen, die über die Entstehung des Turmes berichten. Auch wurden keine Baupläne überliefert. Zwar haben sich in mehreren Städten verteilt insgesamt fünf Aufrisse zum Freiburger Turm erhalten, doch soll es sich hierbei um Kopien oder Studien des 14./ 15. Jhs. handeln, die nach dem verlorenen Freiburger Originalriss ausgeführt wurden. Alle diese Pläne zeigen die untere ausgeführte Turmhälfte des Münsters mit verschiedenen Variationen der oberen Turmgeschosse.
Wer der überragende Meister war, der die obere Turmhälfte mit dem durchbrochenen Turmhelm erdachte, wissen wir nicht. Zwar geben Quellen einige Meisternamen an, so einen Peter von Basel, Heinrich der Leiterer, Jakob Sorner, doch lassen sich mit ihnen keine Bauteile sicher in Verbindung bringen. Vor allem ist bei diesen Nennungen nichts über den entwerfenden Architekten ausgesagt.
Die Bauforschung nimmt heute an, dass der Turm zwischen 1270 und 1330/40 errichtet wurde und dass zwei Baumeister für seine Gestaltung und Ausführung verantwortlich waren. Unter der Leitung und nach dem Entwurf eines ersten Meisters, der auch am Langhaus des Freiburger Münsters arbeitete, soll der untere Turmteil ausgeführt wurden sein. Ab der Mitte des Uhrengeschosses sei es unter einem neuen, aus Straßburg stammenden Baumeisters zu einem entscheidenden Planwechsel gekommen: Er habe den Entwurf des ursprünglich durchgehend geplanten quadratischen Turmes zugunsten eines statisch kühneren achteckigen Oberbaus mit offener Turmspitze abgeändert und ihn dann umgesetzt. Dieser These widerspricht neuerdings ein Kunsthistoriker, der behauptet, dass der Turm nach einem einheitlichen Plan ausgeführt wurde (D.G. Morsch). Damit greift er die bis Anfang des 20. Jh. verbreitete Meinung der älteren Forschung wieder auf.
Die Konstruktion
Der Münsterturm ist als dreiseitig freistehender Westeinturm gebildet. Dies entspricht der einheimischen Tradition, denn schon bei den romanischen Kirchen am Oberrhein und im Elsass war die Westeinturmfront verbreitet. Damit hebt sich der Münsterturm als Turm einer Pfarrkirche (die erst 1827 Bischofskirche wurde) bewusst von den Doppelturmfassaden der Bischofskirchen in Basel und Straßburg ab.
Der Baukörper setzt sich aus drei ungefähr gleich hohen Teilen zusammen: Dem annähernd quadratischen Unterbau, dem achteckigen Oberbau (Oktogon) und der Maßwerkspitze (Helm).
Der circa 30 m hohe massive Unterbau zeigt überwiegend geschlossene, aus großen Sandsteinquadern gemauerte Wände, die nur durch das Portal und die Maßwerkfenster der Michaelskapelle durchbrochen sind. Der Turmkörper wird an den westlichen Ecken von ausladenden Strebepfeilern gestützt, die nach oben abgetreppt und mit Figurenbaldachinen geschmückt sind. Horizontale Gesimse gliedern den Bau in mehrere Abschnitte. Sie sind kaum wahrnehmbar nach oben zurückversetzt und betonen so gemeinsam mit den Abstufungen der Stützpfeiler die Aufwärtsbewegung des Baukörpers. Im unteren Geschoss befindet sich die Eingangshalle, die eine große Fülle von Skulpturen schmückt. Der Raum ist rippengewölbt und öffnet sich mit einem monumentalen, trichterförmigen Spitzbogenportal nach außen. Im zweiten Geschoß liegt die Michaelskapelle. Sie ist ebenfalls im Innern gewölbt, erhält Licht durch drei Maßwerkfenster und öffnet sich in einem riesigen Spitzbogen in das Mittelschiff des Langhauses. Darüber erhebt sich das Uhrengeschoß mit dem Zifferblatt, das 1972 nach Resten einer Bemalung um 1500 rekonstruiert wurde. Am Fuße dieses Geschosses sitzt im Turminneren auf einem umlaufenden Mauervorsprung der 18 m hohe Glockenstuhl aus Tannenhölzern auf. Der Glockenstuhl von 1291 ist in vier Ebenen geteilt und nimmt im oberen Bereich die 16 Glocken auf, darunter die mittelalterliche Hosanna aus dem Jahr 1258.
Das ca. 40m hohe Oktogon zeigt gegenüber dem flächigen Unterbau einen völlig anderen Stil. Acht hochaufragende Pfeiler und riesige giebelbekrönte Maßwerkfenster bilden nun eine offene Architektur. Lediglich der untere Bereich ist durch die Schallöffnungen und die im 18. Jh. vermauerte Turmwächterstube teilweise geschlossen. Die Oktogonhalle darüber ist nach allen Seiten hin geöffnet und bietet von der Besucherplattform aus einen fazinierenden Blick in die Turmspitze. Die Diagonalseiten des Oktogons stützen im unteren Bereich Dreikantpfeiler, auch Spornpfeiler genannt. Sie sind mit Blendmaßwerk verziert und lösen sich schmuckvoll nach oben in Figurentabernakeln und Fialen auf. An der Nordostwecke führt ein schöner filigraner Wendeltreppenturm, die sog. "Schnecke", zur Besucherplattform. Der Übergang von dem quadratischen Unterbau zum oberen Turmachteck erfolgt kunstvoll mit einem zwölfeckigen Grundriss, den die Sterngalerie mit ihrer Maßwerbrüstung betont.
Die Maßwerkspitze ist 46 m hoch und entspricht damit einem 16-stöckigen Hochhaus. Mit ihrer luftigen Konstruktion setzt sie die Entschwerung und Auflösung des Oktogons in einzigartiger Weise nach oben fort. Die Spitze besteht aus acht krabbenbesetzten Rippen, zwischen die Maßwerkfelder mit unterschiedlichen Mustern eingefügt sind. Sie variieren von Geschoss zu Geschoss. Eine Kreuzblume und eine vergoldete Wetterfahne mit Sonne und Halbmond bilden den bekrönenden Abschluss. Die Rippen der Münsterturmspitze sind leicht nach außen gekrümmt, wodurch die Silhouette eine elegante Wirkung erhält. Damit unterscheidet sie sich von den Maßwerkspitzen aller späterer Kirchentürme mit ihren wie mit einem Lineal gezogenen Umrisslinien. Eingebleite horizontale Ringanker aus Eisen sorgen für die Stabilität. Sie halten die einzelnen Teile zusammen und nehmen den massiven Seitenschub der Spitze auf.
Ein wesentlicher Grund für die außerordentliche Schönheit des Freiburger Münsterturmes liegt in dem harmonischen Verhältnis der einzelnen Bauteile zueinander, die nach dem Goldenen Schnitt aufgebaut wurden: Danach verhält sich die Höhe der Turmhelms zur Gesamthöhe vom Unterbau und der Oktogonhalle wie die Höhe von Unterbau und Oktogonhalle zur gesamten Turmhöhe.
Die Skulpturen
Verschiedene Bildhauergruppen schufen in knapp 60 Jahren, parallel zum Bau des Münsterturmes, von ca. 1270 bis 1330 die vielfältigen Figuren des Westturms. Diese lange Entstehungszeit macht sich im unterschiedlichen Stil der Skulpturen bemerkbar, die von französischen Vorbildern der Kathedralen in Paris, Chartres, Reims und Straßburg abhängig sind. Wegen ihrer unterschiedlichen hohen Standorte weichen sie außerdem in den Größen voneinander ab.
Ein besonders reiches Bildprogramm entfaltet sich in der Eingangshalle (Portalhalle / Westturmhalle). Aber auch den Außenbau schmücken zahlreiche Skulpturen. Sie umgeben ihn in verschiedenen Reihen bis in eine Höhe von 70 m und betonen mit ihren Figurengehäusen (Tabernakel) wesentliche Stellen der Architektur. Es sind Darstellungen von Heiligen und weltlichen Herrschern, die in Freiburg besonders verehrt wurden. Die meisten Originale wurden bei Restaurierungsarbeiten im 20. Jh. durch Steinkopien ersetzt und befinden sich jetzt im Augustinermuseum oder in der Münsterbauhütte. Sie können die im Augustinermuseum ausgestellten Originalskulpturen vom Freiburger Münster auch in der Online Sammlung der Städtischen Museen Freiburg ansehen.
Zone 1
Höhe ca. 5m
An den vier Stirnseiten der Strebpfeiler, sitzen unter hohen turmartigen Baldachinen die vier "Grafen von Freiburg". Die einstigen Stadtherren von Freiburg (von 1218 bis 1368), Nachfolger der Herzöge von Zähringen, sind an ihren Adlerwappen auf den Konsolen und Mantelbroschen zu erkennen. Man vermutet in ihnen Graf Konrad, dessen Bruder Heinrich und die zwei Söhnen Konrads. Die Männer unterschiedlichen Alters tragen modische Gewänder, Fürstenhüte oder Kränze auf den Haaren. Alle vier greifen in den Mantelriemen, eine im 13. Jh. verbreitete Geste, die Herrschaft und Hoheit symbolisiert. Bei der Figur rechts des Eingangs liegt ein Schwert auf den Knien zum Zeichen der Gerichtshoheit. Die linke Figur hat den Fuß auf einen Hund gestellt als Sinnbild der Treue. Die knapp 1,50 m hohen Sitzfiguren entstanden um 1270 von einer Werkstatt, die u.a. von den Bildwerken der Pariser Kathedrale, Notre Dame beeinflusst war.
Zone 2
Höhe ca. 13m
Krönung Mariens
Im Giebel des Hauptportals befindet sich als zentrales Bild die Krönung Mariens, die seitlich von zwei Engeln und zwei weiblichen Heiligen (Katharina v. Alexandrien, Margareta) begleitet wird. Maria, die Schutzherrin des Freiburger Münsters, und Jesus sitzen sich in einer spitzbogigen Nische auf einer Bank gegenüber. Maria trägt bereits die Himmelskrone und nimmt den Segen ihres Sohnes mit gefalteten Händen entgegen. Engel über ihnen schwingen Weihrauchfässer und reichen eine weitere Krone zum Zeichen für das ewige Leben. Dieses um 1280 entstandene, aus mehreren Blöcken zusammengesetzte Hochrelief lehnt sich in der Komposition an vergleichbare Darstellungen der Westportale der Kathedralen von Reims und Paris, Notre Dame an. Das Motiv der von Engeln getragenen Krone findet man an der Prioratskirche von Villeneuve L`Archevèque in Burgund.
Aus der gleichen Bildhauerwerkstatt stammen auch die vier circa 2m hohen Heiligenstatuen in den Tabernakeln der Strebepfeiler. Es sind der Freiburger Stadtpatron Georg, die Könige Oswald und Lucius sowie Sebastian (von Süd nach Nord). Sie zeigen die gleiche vornehme Haltung und die feinen, spitznasigen Gesichter wie Maria und Christus.
Zone 3
Höhe ca. 30m
Schutzmantelmaria
In den Tabernakeln des Uhrengeschosses stehen sieben monumentale Heiligenfiguren. Sie sind aus zwei Blöcken zusammengesetzt, knapp 3m groß und wurden um 1300 in zwei unterschiedlichen Bildhauerwerkstätten geschlagen. Von Süd nach Nord stellen sie dar: Erzengel Michael mit Drachen und Lanze, Katharina von Alexandrien mit ihren Martyriumszeichen, Rad und Palmwedel, Kaiser Heinrich II (Stifter des Basler Münsters) mit Reichszepter und Reichsapfel, eine Bischofsfigur, Burgunderkönig Sigismund, Zisterziensermönch Bernhard von Clairvaux mit Abtsstab und ein Geistlicher mit aufgeschlagenem Buch. Die kleinere Schutzmantelmadonna aus dem 14. Jh. wurde erst später hinzugefügt. Michael, Katharina und der Geistliche weichen stilistisch von den anderen Figuren ab und zeigen Verwandtschaft zu den Konsolbüsten der Sterngalerie.
Zone 4
Höhe ca. 37m
Die Konsolen der Sterngalerie sind mit menschlichen Figuren, Büsten und Rosetten verziert. An den vier Hauptecken befinden sich hockende Männer, die unterschiedliche Gewänder und Kopfbedeckungen tragen. Ihre Deutung ist nicht geklärt. Sie dienen als Wasserspeier und leiten das Wasser von der Galerie ab. Die Büsten wurden wegen ihren angeblichen porträthaften Gesichtszüge als Bildnisse des Baumeisters und seiner Familie gedeutet. Diese Vermutung bleibt jedoch ohne Beweise. Es sind wohl eher Darstellungen von bestimmten Menschentypen, die sich ähnlich auch bei anderen Skulpturen finden.
Zone 5
Höhe ca. 50m
Prophet
In den Figurentabernakeln der Dreikantpfeiler des Turmoktogons stehen auf hohen sechseckigen Sockeln 10 alttestamentliche Propheten mit Schriftrollen und Büchern. Nur einer dieser Propheten ist durch sein Horn eindeutig als Mose bestimmbar; ein zweiter wird wegen seiner Krone als König David gedeutet. Neuerdings hat der Theologe Emil Spath eine Identifizierung der Propheten vorgenommen. Anstelle der einstigen 11. Prophetenfigur , die wohl im 18. Jh. zerstört wurde, steht seit 1972 eine moderne Figur des Johannes des Täufers.
Die ca. 3 m hohen, aus zwei Blöcken um 1330 gehauenen Priester und Seher des Alten Bundes sind mit ihren ausdrucksstarken Köpfen und den überlangen, mit feinfaltigen Gewändern umhüllten Körpern von besonderer künstlerischer Qualität: Trotz des hohen Standortes unterscheiden sie sich durch ihre individuellen Gesichtszüge, verschiedenartigen Kopfbedeckungen, Bärte, Gewandfalten und Gebärden.
Diese monumentalen Skulpturen repräsentieren einen völlig neuartigen Stil, der vielleicht von den Propheten vom Querhaus der Kathedrale von Rouen abgeleitet ist. Er fand große Verbreitung u.a. bei den Skulpturen in Rottweil, Esslingen und Augsburg. Von der gleichen Werkstatt stammt auch die Heilig-Grab-Gruppe im Freiburger Münster.
Unter ihnen, an den Ecken der Dreikantpfeiler, sind vier Wasserspeier in Gestalt eines Löwen, eines Adlers und zwei Menschen angebracht. Aus dem Mittelalter stammen nur der Löwe und die weibliche Figur mit einer spitzen, hohen Mütze. Die zwei übrigen, ein stilisierte Adler und ein Mann mit einem Barett, sind Neuanfertigungen aus den 50er und 60er Jahren des 20. Jh.
Zone 6
Höhe ca. 65m
Wollust
Zwischen den Dreiecksgiebeln der Oktogonfenster ragen waagerechte Figuren wie Wasserspeier hervor. Doch sind sie ohne Rinnen. Es sind Darstellungen von Lastern, den "Sieben Hauptsünden": Wollust (eine nackte Frau), Zorn (ein Löwenmensch), Hochmut (ein Ritter), Geiz (ein Mann mit einem Gefäß), Unmäßigkeit (ein Schwein). Der Neid und die Faulheit gingen verloren und wurden durch Skulpturen ohne inhaltlichen Bezug zu den älteren ersetzt, wie ein Porträt des Münsterbaumeisters Friedrich Kempf (gest. 1932).
Zone 8
Höhe ca. 68m
Auf den höchsten Spitzen der Eckfialen ragen vier Engelgestalten in den Himmel. Ihre schmalen, zierlichen Körper sind mit schwingenden, faltenreichen Gewändern verhüllt. Sie halten Busine (Posaunen) in den Händen und blasen zum Jüngsten Gericht. Diese höchsten sich am Münster befindenden Skulpturen sind 1,50m groß.