
Portalhalle
Durch einen einzigartigen Hauptzugang gelangt man in das Freiburger Münster. Auf der Westseite des Turms öffnet sich ein monumentales, spitzbogiges Portal, das zunächst in eine figurenreiche Halle führt, von wo aus man durch ein weiteres Portal ins Innere gelangt. Schon das äußere giebelgeschmückte Hauptportal, das aus schlanken Säulen mit fein gearbeiteten Laubkapitellen besteht, zeigt die hervorragende Arbeit der Freiburger Steinmetze.

Steinbänke entlang der Nord- und Südwand weisen auf die wohl ursprünglich geplante Nutzung als Gerichtshalle hin. Darauf deuten auch die Sitzskulpturen der Gerichtsherren, der Grafen von Freiburg, am Turmeingang außen hin.
Die eigentliche Bedeutung dieses schmuckvollen Raumes liegt jedoch im religiösen Gehalt seiner Bildwerke. Für die an Büchern armen und des Lesens unkundigen Bürgern waren sie eine Art Bilderbibel, die ihnen die Grundlagen des christlichen Glaubens illustrieren sollten. Hierzu zählen die Geschehnisse des Alten Testaments in Gestalt von Propheten, Patriarchen und Königen, die Heilsgeschichte des Neuen Testaments sowie die vielen biblischen und allegorischen Figuren, die als Warnung oder als christliche Vorbilder für die Menschen gedacht sind.
In einem Raum und an einer einzigen Tür wurden hier die großen theologischen Zyklen vereint, die an den französischen Bischofskirchen über mehrere Portale verteilt sind.
Innenportal
Im Mittelalter hatte die Kirchentür als "Pforte zum Himmel" eine symbolische Bedeutung. Deswegen sind am Innenportal, dem eigentlichen Eingang in die Kirche, die wichtigsten Themen der christlichen Heilsgeschichte dargestellt: Szenen aus dem Leben Jesu, seine Geburt und Passion, das Weltgericht und Gestalten des Alten Testaments als Vorläufer Jesu.
Mittelpfeiler (Trumeau)
Am Mittelpfeiler des Portals steht als zentrale Figur Maria, die Schutzherrin des Münsters, mit dem Jesuskind. Sie ist als Himmelskönigin mit Krone und prächtiger Kleidung dargestellt und hält einen Rosenzweig in der Hand. Unter ihr am Sockel sitzt der schlafende Jesse, der nach der Vision des Propheten Jesaja (Jes 11,1 ) von einem Friedenskönig träumte. Die Vision wurde später auf Jesus gedeutet und Jesse als Begründer des Stammbaums Christi angesehen. Daher wachsen hinter Jesse Rosen- und Akanthusranken hoch, die Maria und das Bogenfeld umrahmen.
Gewände
An den Seiten geben Skulpturen Ereignisse aus der Menschwerdung Jesu wider. Rechts stellt der Erzengel Gabriel zusammen mit der Gestalt Marias die "Verkündigung" dar. Auf seinem Spruchband steht der Gruß "Ave Maria Gratia Plena". Die Figurengruppe daneben zeigt die "Heimsuchung", die Begegnung Marias und Elisabeth, die sich herzlich umarmen. Links sind die Heiligen drei Könige zu sehen, angeführt von einem Stern, der ein Engel vor ihnen hochhält.
Außen verkörpern zwei Frauen das Neue und das Alte Testament, den christlichen und jüdischen Glauben: Links "Ecclesia" mit Krone, Kreuzfahne und Kelch. Rechts "Synagoge" mit Augenbinde und zerbrochenem Stab, da sie den Messias nicht anerkannt hat. Alle Gewändeskulpturen stehen auf Sockeln, die Szenen aus der Apostelgeschichte zeigen, z.B. die Kreuzigung Petri (unter Synagoge) und die Geschichte des ungläubigen Thomas (unter der Verkündigungsgruppe).
Das Tympanon
Im dreigeteilten Tympanon sind dicht gedrängt Szenen aus dem Leben Christi dargestellt: Die Erzählung beginnt unten rechts mit der Geburt Christi: Maria liegt in einem prunkvollen Wochenbett und liebkost das Jesuskind, das in einer geflochtenen Krippe liegt. Links von Maria symbolisiert ein Leuchterengel, dass mit Jesus das Licht und Heil in die Welt gekommen sind. Rechts sitzt gedankenversunken Josef, daneben verkündet ein Engel mit Spruchband einem Hirten die Geburt des Messias ("Annuntio vobis"). Das Heil kommt nicht nur die Geburt, sondern durch Jesu Leid. So schließt unmittelbar an die Geburtszene links die Passion an: Der Judasverrat und die Gefangennahme im Garten Gethsemane, die drastische Darstellung des Selbstmords des Judas, der sich an einem Baum erhängt. Schadenfroh spießen zwei Teufel seine Seele auf, und aus seiner Hand fallen die 30 Silberlinge, die er für den Verrat erhalten hatte. Daneben die Verspottung und Geißelung Jesu und im Zentrum des Tymanons seine Kreuzigung: Das Kreuz durchstößt ein Wolkenband, zum Zeichen Christi Erhöhung in die himmlische Sphäre. Neben dem Gekreuzigten stehen, links, Maria und Johannes der Evangelist, rechts, der gläubige Hauptmann und Longinus. Über dem Kreuz symbolisiert ein Pelikan, der seine Jungen im Nest mit seinem Blut tränkt, den Opfertod Jesu.
Alle übrigen Figuren beziehen sich auf das Wiederkommen Jesu am Ende der Zeiten zum Jüngsten Gericht: Vier Engel an den Ecken rufen mit Posaunen die Toten zum Gericht. Im unteren Feld klettern die Toten aus ihren Steinsärgen: Links die guten Menschen, die einander behilflich sind, rechts die bösen Menschen, die sich einsam mit den Sargdeckeln abmühen. Zwischen ihnen wiegt Erzengel Michael ihre Seelen. Rechts neben ihm ringt ein Teufel enttäuscht die Hände (fälschlich als "betender Teufel" bekannt) , weil der Erzengel ihm die fromme Seele eines Auferstandenen entzieht. Im Streifen darüber wenden sich die Seligen dem Heiland zu. Rechts zerren Teufel die Verdammten an einer Kette in den Höllenrachen.
Bogenlaibung (Archivolten)
Die Hohlkehlen der Bogenlaibung füllen zahlreiche kleinfigurige Skulpturen, die Hauptgestalten des Alten Testaments darstellen. Von außen nach innen:
- Über Adam (rechts) und Eva (links) 16 Patriarchen, die fast alle durch ihre Attribute kenntlich gemacht sind: Rechts unten beginnend: Adam, Abel (mit Opferlamm), Henoch, Noah (mit Arche), Melchisedek (mit Kelch und Brot), Abraham (Opferschwert und Widder), sein Sohn Isaak (Holzbündel), Jakob (Himmelsleiter), sein Sohn Juda, Mose (mit Gesetzestafeln), sein Bruder Aaron (Schriftrolle) und dessen Enkel Pinhas (in hohepriesterlichem Gewand), Kaleb, Josua, Gideon (Lammfell auf dem Schild), das Ehepaar Rut und Boas (als Vorfahren Davids) und Eva.
- 16 Könige des Alten Bundes mit Szepter, Krone, Mantel oder Hermelinkragen. Die Königsreihe beginnt unten rechts mit König David, der als einziger eindeutig an seiner Harfe bestimmbar ist.
- 15 Propheten, die ihre Namen auf den Spruchbändern tragen.
- 12 Engel, die mit ihren Kronen und Rauchfässern Gott huldigen.
Die Vorhallenwände
Seitlich des Innenportals schließen sich die fünf klugen und törichten Jungfrauen an (Mt 25,1-14): Links stehen die klugen, die mit ihren erhobenen, d.h. gefüllten Öllampen von Christus mit einer auffordernden Geste in die Kirche geführt werden. Rechts klagen die törichten mit verzweifelten Gesichtern und Gebärden um das verlorene Heil, da sie vergaßen, das Licht zu hüten. Ihre Lampen sind leer und deswegen nach unten gekippt.

Die Klugen Jungfrauen
An die klugen Jungfrauen reihen sich fromme biblische Gestalten: Maria Magdalena, die Jüngerin von Jesus. Sie hält ein Salbgefäß, da sie den Leichnam Jesu salben wollte. Daneben Abraham, der mit dem Schwert seinen Sohn Isaak opfern will, aber durch die göttliche Hand abgehalten wird. Johannes d. Täufer im Kamelhaargewand und mit dem Lamm auf der Scheibe, weil er auf Jesus als das Lamm Gottes hinwies. Daneben dessen Eltern der Priester Zacharias mit Rauchfass und Gesetzbuch sowie Elisabeth.
An der gegenüber liegenden Westwand sind als Gegenbilder zwei fromme, christliche Frauen dargestellt: Katharina von Alexandrien mit Rad, dem Zeichen ihres Folterinstrumentes, und der Märtyrerpalme. Margareta von Antiochien mit dem Drachen zu ihren Füßen, Sinnbild des Teufels, den sie durch das Zeichen des Kreuzes besiegte.
- Die Grammatik, eine Frau mit Zuchtrute, einem lesenden und einem faulen Kind.
- Die Dialektik mit der Geste des Argumentierens
- Die Rhetorik mit dem Gold der Rede in den Händen
- Die Geometrie mit Winkel und einem Zirkel
- Die Musik mit einer Glocke
- Die Arithmetik mit einem falsch ergänzten Attribut (Malerpalette)
- Die Astronomie mit einem bauchigen Gefäß.
Die freien Künste waren von der Antike übernommen und dort den freien Bürgern vorbehalten. Im Mittelalter galt das Studium dieser Fächer, die vor allem an den französischen Kathedralschulen wie in Chartres und Laon gelehrt wurden, als Vorraussetzung zum Erkennen der vollkommenen, göttlichen Ordnung.
Zur Entstehung
Zur Baugeschichte der Portalhalle gibt es keine schriftlichen Quellen. So sind auch die Bildhauer unbekannt, die die schönen Zierarchitekturen und die wertvollen Skulpturen angefertigt haben. Ebenso wenig kennen wir den Meister, von dem der Entwurf für die Gestaltung und das Figurenprogramm stammt. Baugeschichtliche und stilistische Untersuchungen erbrachten jedoch wichtige Erkenntnisse:
Nach der Fertigstellung von Teilen des Langhauses wurde zwischen 1270 und 1290 der Turmunterbau mit der Turmhalle errichtet. Die zeitliche Obergrenze hat man durch den 1290/91 datierten Glockenstuhl, der sich auf dem Unterbau erhebt; ein weiterer Hinweis
bilden auch die in diesem Zeitraum entstandenen Skulpturen der Turmhalle.
bilden auch die in diesem Zeitraum entstandenen Skulpturen der Turmhalle.
Gesichert ist, dass die architektonische und figürliche Ausstattung gleichzeitig mit dem hochgeführten Mauerwerk eingebaut wurde und man sie nicht etwa nachträglich, wie teilweise die ältere Forschung annahm, eingefügt oder verdübelt hat. Fugenverläufe des Vorhallenmauerwerks ließen diesen Schluss zu. Auch die vielen kleinen Figuren in den Archivolten und die Reliefs des Tympanons, das aus sechs 45cm starken Sandsteintafeln besteht, wurden gemeinsam mit dem Bau versetzt.
Stilistisch lassen sich drei Bildhauergruppen unterscheiden:
- Von einer ersten, älteren Werkstatt stammen die figürlichen Reliefs und Dekorationen an den Spitzbogenarkaden, die Sockelreliefs am Innenportal und die Warnungsengel. Die Plastik wirkt schwerfällig, derb und ist zum Teil stilistisch mit den Figuren am Uhrengeschoss verwandt.
- Von Bildhauern, die eindeutig von den Skulpturen der Straßburger Westfassade beeinflusst waren, wurden die meisten Bildwerke am Innenportal ausgeführt: die Archivoltenfiguren, der Figurenschmuck des Tympanons und der Trumeaupfeiler mit Jesse und der Muttergottes.
- Die jüngste Gruppe bilden die großen Figuren am Portal und an den Seitenwänden der Vorhalle. Bei ihnen erkennt man große Qualitätsunterschiede, wie etwa bei den Jungfrauen, die zu den besten Figuren des Vorhallenzyklus zählen, oder den steifen und plumpen biblischen Figuren (Johannes der Täufer, Zacharias) der Nordwand , die sich völlig vom Vorbild der Straßburger Figuren lösen.
Farbigkeit
Die Eingangshalle muss man sich im Mittelalter bunt vorstellen. Nicht nur die Figuren waren wie heute farbig bemalt, sondern auch die Wandflächen über ihnen. Reste einer mittelalterlichen Schutzmantelmaria aus dem 13. Jh. im oberen Bereich der Südwand deuten auf großfigurige Darstellungen hin. Noch schwach zu erkennen sind die Umrisse Marias sowie die Köpfe und Gewänder der beiden Figurengruppen, über die sie ihren Mantel ausgebreitet hat. In der nördlichen Arkade unter der Christusskulptur fand man Reste eines kleinen Schriftbandes, das sich anhand der Schrift ebenfalls ins 13. Jh. datieren ließ.
Die heutige Farbigkeit der Skulpturen und Architekturteile wurde erst 1887-89 im Zusammenhang mit der damaligen Restaurierung der Vorhalle aufgebracht. Die Leitung dieser Arbeiten hatte der Freiburger Künstler Fritz Geiges. Er orientierte sich bei der Bemalung an einer barocken Farbgestaltung, die er in Resten vorfand und mit Aquarellskizzen dokumentierte. 1604 hatte sie Jakob Mock, Medizinprofessor aus Thann im Elsaß, gestiftet. Aussehen und Stiftung dieser Farbgestaltung wurden schriftlich im ersten Münsterführer von 1820 (Heinrich Schreiber) überliefert: An der Nordwand befand sich eine Himmelfahrt Christi, an der Südwand eine Himmelfahrt Marias. Auch die Wandflächen in der Arkatur waren mit Szenen aus der Leidensgeschichte Christi und sich darauf beziehende Darstellungen aus dem Alten Testament bemalt. Die Malereien wurden durch eiserne Gitter geschützt, die an den Säulen befestigt waren. Im Gewölbe sah man Brustbilder der vier Evangelisten, der vier Kirchenväter sowie Engel mit den Leidenswerkzeugen Christi. Auch das Außenportal hatte eine Bemalung aus verschiedenen Mustern erhalten, die noch heute erkennbar ist.
1827 wurden die Malereien anlässlich der Einführung des ersten Freiburger Erzbischofes überstrichen. Ausgenommen blieben die Gewölbemalereien, die Bemalung der Skulpturen und Architekturteile sowie des Außenportals.
Geiges führte die Neubemalung zwar in Anlehnung an die vorgefundene Farbgestaltung aus, änderte sie jedoch nach dem Geschmack des 19. Jh. im vermeintlich gotischen Stil ab. So gestaltete er die Muster der Gewänder zum Teil anders und dunkelte die Farben etwas ab. Auch die Gewölbemalereien erhielten im Zusammenhang mit dem Neuverputz des Gewölbes eine neue Dekoration. Dargestellt wurden nun Engel, die mit Spruchbändern auf die Verheißung der acht Seligkeiten hinweisen.
Restaurierung 1999-2004
Im Auftrag des Münsterfabrikfonds und unter Leitung des Erzbischöflichen Bauamtes führte ein Team freiberuflicher Restauratorinnen und Restauratoren über mehrere Jahre aufwändige Konservierungsarbeiten in der Vorhalle durch. Die Maßnahmen beschränkten sich hauptsächlich auf das Reinigen der stark verschmutzten Skulpturen und Architekturteile sowie das Sichern der Farben. Oberste Priorität war dabei das Bewahren der alten Substanz.
Ein großes Problem waren die "ätzenden" Taubenkotbeläge, die eine große Gefährdung für die wertvollen Skulpturen und ihre Farbfassung waren. Unter großen Sicherheitsvorkehrungen mit Schutzanzügen, Augen- und Atemschutzmasken - wurden sie zunächst mechanisch mit Skalpellen und Pinselbürsten entfernt und dann mit feuchter Watte abgetupft. Die übrigen Staub- und Schmutzbeläge löste man mit feinen Mikrostrahlgeräten, bei dem unter geringem Druck mit feinstem Steinmehl die Krusten abgelöst wurden. Diese Arbeit erforderte großes Einfühlungsvermögen, um die Bemalung nicht zu schädigen.
In einem weiteren Schritt fixierte man sich ablösende Farbschollen und gelockerte Steinteile mit mineralischen Festigungsmitteln wieder neu an den Untergrund. Nur vereinzelt führte man auch farbliche und plastische Ergänzungen aus, wenn diese optisch oder ikonographisch bedingt waren. So erhielten z.B. ein Engel im Tympanon eine neue Geißel und der Weltenrichter einen neuen Fuß aus Gussstein.












