Zum Abschied von Anne Brehm
Fünf Jahre lenkte Anne-Christine Brehm als Münsterbaumeisterin die Geschicke des Freiburger Münsterbauvereins, plante und priorisierte die Restaurierungsarbeiten an Freiburgs schönster Baustelle, warb in der Öffentlichkeit um finanzielle Mittel für den Erhalt der Kathedrale oder trieb Forschungsprojekte voran. Beginn April folgte sie einem Ruf an die Universität Heidelberg als Professorin. Im Interview spricht sie über ihre Zeit als Münsterbaumeisterin.
Was nimmst du mit aus deiner Zeit beim Münsterbauverein?
In erster Linie viele nette Begegnungen, Kontakte und Menschen. Natürlich habe ich auch in zahlreichen Bereichen viel dazugelernt. Aber dennoch: Es sind hauptsächlich die Menschen, die meine Zeit geprägt haben.
Welche Erfahrungen gab es, die dich persönlich oder beruflich besonders wachsen ließ?
Einen Betrieb dieser Größe zu führen, war für mich eine ganz neue Herausforderung. Zuvor hatte ich Forschungsgruppen mit maximal vier Mitarbeitenden geleitet. Das waren deutlich kleinere Dimensionen, die sich auf ein Themenfeld fokussierten. Beim Münsterbauverein ist es dagegen spannend, dass es ganz verschiedene Bereiche wie das Handwerk, die Wissenschaft oder die Öffentlichkeitsarbeit gibt, in denen die Mitarbeitenden mit unterschiedlichen Perspektiven und Aufgaben für dieselbe Sache arbeiten. Es war für mich sehr interessant, dies zu organisieren und zu verantworten, dass alles an einem Strang läuft. Es war herausfordernd, im positiven Sinne.
Gab es ein Erlebnis in deiner Zeit beim Münsterbauverein, das besonderen Eindruck hinterlassen hat?
Den Strebepfeileraufsatz am Chor aufzusetzen, war für mich ein besonderer Moment. Bis zum Schluss habe ich mitgezittert, ob alles klappt und passt. Die Freude, dass das Projekt erfolgreich abgeschlossen werden konnte, war auf jeden Fall groß. Besonders schön war auch die Idee mit dem Zeitkapselwettbewerb, als die Schulklassen begeistert auf dem Chor standen und ihre Zeitkapsel ins Münster eingebaut wurde. Auch sonst freue ich mich sehr, dass es uns gelingt, junge Menschen an das Münster und den Münsterbauverein heranzuführen, sei es mit dem Schulkoffer oder am Tag der offenen Tür für Schulklassen. Ich hoffe sehr, dass dies weitergeführt wird.
Vielleicht wird es unter eine/-m neue/-n Münsterbaumeister/-in andere Schwerpunkte geben; das ist das Schöne an der Stelle: Man kann sehr viel gestalten. Es hat mir viel Freude gemacht, neue Ideen zu entwickeln wie beispielsweise in der Werbung neuer Mitglieder oder Bekanntmachung unserer Arbeit.
Was wünschst du dem Münsterbauverein für die Zeit nach dir?
Ich wünsche dem Münsterbauverein viele Mitglieder und treue Spender/-innen. In meiner Zeit hat mich immer beeindruckt, wie viele Menschen das Münster lieben und bereit sind, sich zu engagieren. Dem Münster selbst wünsche ich, dass weiter sorgsam mit ihm umgegangen und es gepflegt wird – aber da habe ich keine Sorge.
Worauf freust du dich in deiner Zeit nach dem Münsterbauverein?
Ich freue mich auf die Lehre und darauf, Wissen zu vermitteln – das lag mir schon immer am Herzen. Hoffentlich wird hier in Zukunft eine Verbindung nach Freiburg möglich sein. Ich freue mich zudem, wieder mehr Zeit für die Forschung zu haben und neue Forschungsprojekte zu entwickeln.
Vielleicht führt dich die Forschung auch ab und zu ans Freiburger Münster zurück?
Hoffentlich ja. Ich würde sogar sagen: mit Sicherheit. Ein großes Projekt, das ich schon lange mit Kolleg/-innen angehen möchte, sind die spätmittelalterlichen Rechnungsbücher. Da gibt es in Freiburg einige, die darauf warten, erforscht zu werden. Und auch am Münster selbst gibt es noch viel zu entdecken: Mit dem Austausch der Steine aus den 1920er/30er-Jahren am Chor aufgrund des mangelhaften Materials verschwindet eine Zeitschicht am Münster. Das erfordert eine wissenschaftliche Begleitung, das könnte ich mir vorstellen.
