Zum Tod von DKM i.R. Prälat Dr. Raimund Hug

14.04.2026 |

33 Jahre lang, von 1969 bis Ende 2002, war Raimund Hug Freiburger Domkapellmeister, doch bedeutete der Ruhestand keineswegs, dass er nicht weiterhin musiziert hätte, denn ein Leben ohne Musik wäre für ihn geradezu unmöglich gewesen. Er blieb noch rund zwei Jahrzehnte lang aktiv, gab mit seinem 2006 gegründeten Ensemble „Cantus et Musica“ Konzerte und nahm CDs auf. Erst in den letzten Jahren war es zunehmend still um ihn geworden.

Die Arbeit der Freiburger Dommusik beobachtete er lange mit Wohlgefallen, denn die Saat, die er in den fast dreieinhalb Jahrzehnten seines Wirkens ausgebracht hat, war aufgegangen und trug reiche Frucht. Umso härter traf ihn der Konflikt um die Leitung der Dommusik im Dezember 2024, der kurz vor Ostern 2026 mit dem Dienstantritt von Andreas Mölder als Domkapellmeister zu einem Neuanfang führte. Zu sehen, wie sich Erfolge einstellen, war ihm nicht mehr vergönnt. In den Abendstunden des 12. April 2026 ist er im Alter von beinahe 91 Jahren gestorben.
 
Der am 17. April 1935 in Stühlingen in eine Lehrer- und Musikerfamilie geborene Raimund Hug war Priester, Musiker und Badener mit Leib und Seele, und so hätte es für ihn kaum einen besseren Platz im Leben geben können als den des Freiburger Domkapellmeisters. Hug besuchte als Internatsschüler des Studienheims St. Konrad („Konradihaus“) das Konstanzer Suso-Gymnasium. Sein Heimatpfarrer Hermann Ullrich meinte 1955 noch eine klare Priorität in Hugs Lebensplanung erkennen zu können: „Schon von frühester Jugend an hatte Raimund den Wunsch, Priester zu werden. Bis jetzt blieb er unbeirrt seinem Entschluße treu, obwohl manche wegen seiner musikalischen Begabung ihn zu diesem Berufe hinlenken wollten“.
 
Hugs immense Musikalität war früh aufgefallen, schon zuhause, und dann erst recht im „Konradihaus“. Dort zeigte sich schnell, was für ein „Überflieger“ er als Klavier- und Orgelspieler war – wobei dies nicht alle uneingeschränkt als positiv empfanden: So mancher gleichfalls nicht gerade unmusikalische Mitschüler hat wohl bisweilen, wenn er Hug spielen hörte, daran gedacht, mit seinem im Vergleich dazu eher stümperhaften Musikmachen ein für alle Mal aufzuhören.
 
Nach dem Abitur 1955 entschied Hug sich gleichwohl für die Theologie – ohne deswegen von der Musik zu lassen – und wurde am 19. Juni 1960 in der ehemaligen Kathedrale des Bistums Konstanz zum Priester geweiht. Danach war er als Vikar zunächst in Dossenheim, ab November 1961 in Hausach tätig. Im Frühjahr 1963 wurde er beurlaubt und zum Kirchenmusik- und Kapellmeisterstudium nach Wien geschickt, wobei er zunächst nicht ganz sicher war, ob dies der richtige Weg für ihn sein würde: „Rein menschlich gesehen, halte ich mich für die kommenden Aufgaben – technisch musikalisch und menschlich gesundheitlich – zu 80 % gewachsen. Die übrigen 20 % muß ich unserem Herrgott anvertrauen“, schrieb er Erzbischof Hermann Schäufele.
 
Der weitere Verlauf von Hugs Lebensgeschichte zeigt, dass dieses Gottvertrauen, wie auch das Vertrauen des Erzbischofs, mehr als berechtigt war. Auch seine Wiener Lehrer konnten stets mit ihm zufrieden sein, seien es der Organist Hans Haselböck oder der große „Dirigentenmacher“ Hans Swarowsky, zu dessen Schülern auch spätere Stardirigenten wie Claudio Abbado, Mariss Janssons, Zubin Mehta oder Giuseppe Sinopoli gehören. Nach einem glänzend bestandenen Examen wurde Raimund Hug 1969 als Nachfolger von Franz Stemmer Domkapellmeister in Freiburg. Und so verhalf ihm letztlich sein Erzbischof oder, wenn man so will, göttliche Fügung dazu, beiden Berufungen folgen und Priestermusiker sein zu können.
 
In Freiburg begnügte er sich nicht damit, nur das von seinem Vorgänger Franz Stemmer bestellte Feld weiter zu beackern. Sehr bald griff er die während der NS-Diktatur abgerissene jahrhundertealte Tradition der Sängerknaben wieder auf und gründete 1970 die „Freiburger Domsingknaben“. Da er erkannte, dass das hohe musikalische Niveau des Domchors nur durch intensive Nachwuchsarbeit zu halten sein würde, ließ er schon 1973 die Gründung der Mädchenkantorei folgen. Damit war der Grundstein für sein Lebenswerk gelegt, doch einen gewissen Abschluss fand der Aufbau erst mit dem Bezug der „Domsingschule im Palais“ im Frühjahr 1997.
 
Damit war die Zeit der provisorischen Domizile – genannt seien nur die Kooperatur, die Alte Wache und der Friedrichsbau – endlich vorbei. Bis es so weit war musste Raimund Hug unendlich viel Energie und Arbeit investieren und (fast) alle nicht ausdrücklich verbotenen Mittel anwenden – wobei er nie den Endzweck, das gut musizierte Gotteslob, aus den Augen verlor. Dabei legte er bisweilen seinen Auftrag weiter aus, als dies der Ver­waltung im Erzbischöflichen Ordinariat recht war, doch die Erfolge gaben ihm nachträglich Recht. Viele Jahre lang hing an seiner Bürotür ein Zettel mit dem Spruch „Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe“, der gewissermaßen sein professionelles Credo darstellte.
 
Um die Ansprüche, welche die „musica sacra“ in einer Kathedrale wie dem Freiburger Münster stellt, dauerhaft befriedigen zu können, baute Hug zusammen mit zahlreichen oftmals ehrenamtlichen Mitstreitern die Nachwuchsarbeit immer weiter aus: Musikalische Früherziehung, Vorchöre, Stimmbildung und Musiktheorie waren und sind beispielsweise im Angebot. Dazu kam eine ganze Palette von Chören für jede kirchenmusikalische Lebenslage: Der Domchor als Ensemble für die großen liturgischen und konzertanten Aufgaben, die Domkapelle als Kammerchor mit dem Fokus auf A-cappella-Musik, Domsingknaben und Mädchenkantorei mitsamt ihren ebenfalls gelegentlich im Gottesdienst auftretenden Aufbauchören, und dann noch die Choralschola – lediglich die Kantorenschola musste nach Hugs Pensionierung noch „erfunden“ werden.
 
Doch er beschränkte sich nicht auf die Pflichtaufgaben, sondern verstand sich stets als Missionar, der die christliche Frohbotschaft mit kirchenmusikalischen Mitteln in die Welt hinaustragen, Menschen unterschiedlicher Länder, Sprachen und Kulturen über die Musik miteinander in Kontakt bringen und somit der Völkerverständigung dienen sollte. Daher die ungezählten Konzertreisen rund um den Globus, die Schallplatten- und CD-Aufnahmen, die großen Münsterkonzerte gemeinsam mit diversen Orchestern, mit Partnerchören aus Freiburg, Colmar oder Moskau und mit renommierten oder später berühmt gewordenen Solisten. Wie erfolgreich seine Nachwuchsarbeit war, zeigt sich auch daran, dass zahlreiche ehemalige Mitglieder seiner Freiburger Chöre musikalische Berufe ergriffen, als Sängerin oder Sänger, in Orchestern, im schul- oder kirchenmusikalischen Dienst oder mit dem Taktstock. Daneben schloss Raimund Hug in seiner spärlichen Freizeit das in den 1960er-Jahren begonnene Musikwissenschaftsstudium mit der Promotion ab – Thema der 2007 veröffentlichten Dissertation waren Leben und Werk des Priestermusikers Georg Donberger (1709-1768) aus Herzogenburg bei Wien.
 
Darüber hinaus legen auch die zahlreichen Schallplatten und CDs – eine keineswegs vollständige Liste findet sich in seinem Wikipedia-Artikel – bleibendes Zeugnis für Hugs erfolgreiches Wirken ab. Auch nach der Pensionierung produzierte er mit „Cantus et Musica“ mehrere interessante Einspielungen, sei es mit Musik des 16./17. Jahrhunderts aus dem Umfeld der Konstanzer Bischofskirche oder der Freiburger Universität, sei es zuletzt im Jahr 2018 eine Zusammenstellung selten zu hörender Chor- und Orgelmusik des 20./21. Jahrhunderts.
 
Raimund Hug war ein glänzender Musiker, der von sich und anderen stets vollen Einsatz verlangte. In Verbindung mit seinem manchmal aufbrausenden Wesen führte dies bisweilen zu einem wenig zimperlichen Umgang mit seinen Mitmusikern und wer in einem seiner Chöre singen wollte, bekam nicht selten harsche Worte zu hören. Bei aller mitunter recht undiplomatisch geäußerten Kritik war es jedoch stets sein erklärtes Ziel, möglichst gut zu musizieren, und keineswegs wollte er andere herabsetzen. 
 
Als Mensch war er warmherzig und anderen zugewandt, in materiellen Dingen großzügig und vor allem seinen „Domsingkindern“ jeder Altersstufe gegenüber fürsorglich wie ein guter Vater. Auch kontaktfreudig war er und nahm für die Kommunikation, wenn die gemeinsame Sprachbasis fehlte, notfalls auch Hände und Füße zu Hilfe. Er vertraute grundsätzlich und von vornher­ein jedem Einzelnen und respektierte ihn als Menschen. Aus seinem Herzen machte er nie eine Mördergrube, was bedeutete, dass man bei ihm immer wusste, woran man war. Musikalische Laien – aber auch gestandene Profis – konnten von der Zusammenarbeit mit Raimund Hug vielfach profitieren: Sie lernten eine Vielfalt an teils großartigen Werken kennen, erfuhren eine Menge über Musik, erhielten kostenlosen Religionsunterricht, hörten kabarettreife Sprüche und grandioses Klavierspiel und sahen fremde Städte und Länder, die sie allein vielleicht nie besucht hätten.
 
Als Priester und Musiker verkörperte Hug gewissermaßen den Idealtyp für die musikalisch-pastorale Aufgabe eines Domkapellmeisters, doch zugleich war er, zumindest in Deutschland, der letzte Vertreter einer nunmehr ausgestorbenen Spezies – nicht, weil es keine musikalischen Priester mehr gäbe, sondern weil es heutzutage kaum noch zu verantworten wäre, Priester für Aufgaben einzusetzen, die auch von nicht geweihten Fachleuten erfüllt werden können. Als Raimund Hug Anfang 2003 in Ruhestand ging und das Amt des Domkapellmeisters seinem Nachfolger übergab, ging damit in (mindestens) zweifacher Hinsicht eine Ära zu Ende: Zum einen die fast ein halbes Menschenalter währende „Ära Hug“ der Freiburger Dommusik, zum anderen die Zeit der priesterlichen Domkapellmeister in Freiburg.
 
Mit der Frage nach seinem Lieblingskomponisten hätte man Raimund Hug vielleicht in Verlegenheit gebracht, und womöglich hätte er geantwortet, es sei der, mit dessen Musik er sich gerade am intensivsten beschäftigte. Bach und Mozart gehörten ganz sicher zu seinen Favoriten, und wahrscheinlich hätte er in ökumenischer Verbundenheit dem evangelischen Theologen Karl Barth zugestimmt, der in seinem „Dankbrief an Mozart“ zu dessen 200. Geburtstag gesagt hatte, er sei zwar nicht ganz sicher, dass die Engel, wenn sie Gott loben, Bach spielen, aber er sei sicher, dass sie, wenn sie unter sich sind, Mozart spielen – und dass der liebe Gott dann besonders gern zuhöre.
 
Nun ist Raimund Hug, von Krankheit und den Beschwerden des Alters befreit, dort angekommen, wo er zeitlebens das Ziel seines irdischen Weges gesehen hatte.
 
Christoph Schmider