Freiburg hat, was viele suchen
Ein Essay zu 40 Jahren erlebter Geschichte in Sachen Münsterorgeln und sommerlicher Orgelkonzerte im Freiburger Münster
Von Johannes Adam
Vierzig Jahre sind kein Tag. Doch mag es – Stichwort: kulturelles Gedächtnis – gelegentlich angebracht sein, Rückschau zu halten, Fakten, Ereignisse und Entwicklungen nochmals in den Blick zu nehmen oder sie zumindest sanft in Erinnerung zu rufen. Bei einer Konzertreihe, die der Musikstadt Freiburg jeweils von etwa Mitte Juni bis Ende September alldienstäglich ein besonderes Gepräge gibt, ihr gar den Rang einer gleichwohl kontinuierlichen Einmaligkeit verleiht. Gemeint sind die hochkarätigen Internationalen Konzerte an den vier Orgeln des Freiburger Münsters. Abende in jenem berührenden, sich an der Tradition von Jahrhunderten orientierenden sakralen Raum, in welchem Musik und Kirche, Klangkunst und Gotteslob, organisch in eins gehen, miteinander eine Symbiose bilden. Wo vier hervorragende Orgeln erklingen, die als autonome Einzelinstrumente individuelle Charakteristika aufweisen und sich dennoch exzellent ergänzen.
Es war der 17. Juni 1986. Im Sommer zuvor hatte der damalige Domorganist Ludwig Doerr zum 300. Geburtstag Johann Sebastian Bachs im Alleingang das gesamte Orgelschaffen des Leipziger Thomaskantors an den Freiburger Münsterorgeln interpretiert. Somit Musik des größten Orgelkomponisten aller Zeiten. Das Jahr darauf bescherte eine Hommage quasi als Nachklapp: In fast jedem der 15 Konzerte gab es einen Beitrag über das Vierton–Motiv B–A–C–H. Doerr, der die Reihe an besagtem Juni–Dienstag mit einem reinen Liszt–Programm eröffnete, hatte sich einen Hit aus dem Fundus der deutschen Romantik auserkoren: Franz Liszts Präludium und Fuge über B–A–C–H. Zu jenem Abend schrieb der Verfasser dieser Zeilen dann für den BZ–Kulturteil seine erste Rezension eines Münsterorgelkonzerts. An die sich im Lauf der Jahre zahlreiche weitere Besprechungen anschließen sollten. Gewiss: Manches hat sich seither geändert. Vier Domorganisten, alle Orgelprofessoren, waren im Amt: Auf Ludwig Doerr folgten Klemens Schnorr und Gerhard Gnann, die auch die Konzertreihe kuratierten. Heute ist es der aus Graz stammende, international gut vernetzte Matthias Maierhofer.
Durch zwei hochwertige Orgelneubauten aus der Schweiz erfuhren die instrumentalen Voraussetzungen im Münster eine enorme Qualitätssteigerung. Aus der Werkstatt Metzler kam 2008 die sogenannte Michaelsorgel auf der Westempore, das Instrument, das neben seinem romantischen Potenzial – man denke nur an die wunderbaren Streicherklänge – nicht zuletzt auch für Kraft aus der Höhe sorgt. Die Werkstatt Kuhn lieferte 2019 eine erstklassige, ohne eigenen Spieltisch auskommende Chororgel plus Turm– oder Auxiliarwerk. In diesem Kontext kam auch ein lange gewünschtes Klarinettenregister ins Münster. Die besonders fürs barocke Repertoire prädestinierte Marcussen– oder Schwalbennest–Orgel des Langschiffs wurde renoviert. Und bei der großen, neu intonierten Marienorgel hat man feinsinnig klangliche (Oberton–)Spitzen entschärft. Optimiert wurden Zungenstimmen (Trompeten). So ist die von Rieger aus Vorarlberg 1965 gebaute Marienorgel auch als das immer noch optisch attraktive Hauptinstrument des Münsters zu werten.
Wo das konzentrierte Zuhören inzwischen zweifellos reiz– und anspruchsvoller geworden ist – besonders wenn vom Hauptspieltisch aus die gesamte Orgelanlage zum Einsatz kommt. Werke von der Renaissance oder dem Frühbarock bis zur Uraufführung und von der kammermusikalischen Triosonate bis zur mehrsätzigen Orgelsinfonie lassen sich adäquat darstellen. Selbstverständlich auch der wichtige, stark auf Expressivität setzende Spätromantiker Max Reger oder die Schöpfungen der stilistisch den Orchesterklang beinah imitierenden französischen Orgelsinfonik eines César Franck, Charles–Marie Widor oder Louis Vierne. Den Koryphäen auf dem Gebiet der Improvisation, des Stegreifspiels, bietet sich ein weites Feld. Die Kombination der Orgel mit einem anderen Instrument ist möglich – so konzertieren am finalen Abend der diesjährigen Reihe Orgel und Harfe. Bei der Auswahl der Interpreten und bei den Programmen sind die Konzerte internationaler geworden. Zudem inhaltlich offener. Es spielen auch Top–Organistinnen und –Organisten aus aller Welt, die in Freiburg bislang noch nicht zu Gast waren. Nicht wenige Interpreten beginnen ihr Konzert an der Langschifforgel, die über eine, wie es in der Fachsprache der Orgelbauer heißt, mechanische Spieltraktur verfügt. Wo also der Kontakt von der Taste zur Pfeife auf mechanischem Weg erfolgt. Die Spieltraktur vom viermanualigen Hauptspieltisch, gleichsam der Schaltzentrale, aus ist elektrisch. In Sachen Programm haben nun auch teils entlegene Bearbeitungen eine Chance – vor allem, wenn sie in Sujet und Stil mit der Würde des Kirchenraumes vereinbar sind. Die Münsterorgeln mit ihren zusammen 154 klingenden Registern sind ungemein farbig. Für Musik mit oder ohne Choralzutat, mit oder ohne liturgische Einbindung. Wer einen kräftigen Sound mag, wird mit den an der Michaelsorgel platzierten Chamaden bedient, deren Pfeifen horizontal in den Raum ragen.
Live erleben kann man die Münsterorgeln im Gottesdienst, bei der von Münsterorganist Jörg Josef Schwab organisierten Samstag–Reihe „Orgelmusik zur Marktzeit“ oder auch bei den übers Jahr verteilten abendlichen Orgelführungen. Und natürlich bei den 15 Sommerkonzerten. Aktuelle Aufnahmen gibt es von Matthias Maierhofer, einem der besten Kenner der Münsterorgeln. Auf vier CDs präsentiert der Freiburger Domorganist mit erlesenen Programmen die Orgeln zunächst einzeln. Eine fünfte CD gilt der Gesamtanlage. Die schönen Scheiben sind jeweils einzeln oder alle zusammen in einem Schuber erhältlich (beim Münsterladen, Herrenstr. 30 und im c–punkt Münsterforum, Herrenstr. 33, Freiburg).
Dank kluger Maßnahmen und effizienter Retuschen sind die Münsterorgeln mittlerweile so gut wie nie zuvor. Das einst als ambitionierte Bürgerkirche errichtete Münster, das erst im frühen 19. Jahrhundert Bischofssitz und Kathedrale wurde: Es beherbergt eine vielfältig nutzbare Orgelanlage, die in ihrer Gesamtheit absolut zu ihm passt. Mit einem faszinierenden Raumklang. Merke: Freiburg hat, was viele suchen. Drum macht es nach so langer Zeit auch jetzt noch Freude, über die Münsterorgelkonzerte (kritisch) zu berichten. Für die Leserinnen und Leser hoffentlich mit Gewinn.
Jeden Dienstag Abend vom 23.06. bis 29.09.2026 um 20:15 Uhr im Freiburger Münster.
Mehr Informationen auf: www.muensterorgelkonzerte.de
Der Autor rezensiert seit 40 Jahren im Kulturteil der Badischen Zeitung die Internationalen Orgelkonzerte des Freiburger Münsters.



